Im Hühnerhaufen der gescheiterten Digitalisierung

von | 15. Mrz 2021 | Aktuelles, Digitaler Arbeitsplatz

Frühjahr 2020. Standort Deutschland. Digitalisierung? So semi, nä! Und plötzlich das: Corona! Unternehmen, die sich bis dahin darauf verlassen haben, dass Digitalisierung eine beiläufige Modeerscheinung ist, wurden rabiat auf ihren fehlenden Innovationsmut und ihren naiven Aktionismus aufmerksam gemacht. Milde ausgedrückt. Denn auf Messen umher zu rennen und das goldene Ei „Digitalisierung“ zu finden, – das sollte eigentlich spätestens zu diesem Zeitpunkt jedem Geschäftsführer klar geworden sein – ist kein probates Mittel, Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Ganz besonders nicht in der aktuellen Situation!

Aktionismus vs. Realität

Was ich bis zum vergangenen Frühjahr beobachten konnte (und noch immer kann), sind hoch technologisierte Unternehmen, getrieben von DER Digitalisierung – bereit, mit möglichst kleinteiligem Denken und fehlendem ganzheitlichem Management voll gegen die Wand zu fahren. Wer kann, der kann!

Immer wieder wird IT-Abteilungen die Fähigkeit zugesprochen (ob sie nun wollen oder nicht) entscheiden zu können, was für Fachabteilungen das Richtige ist. Mit dieser Legitimation seitens des Middle oder Top Managements geht die IT nun auf große Einkaufstour. Das Ergebnis: Tools, die im besten Fall zwar schöne, aber vor allem teure Spielzeuge sind. Oft genug braucht niemand diese „Mode-Gadgets“, zumindest nicht diejenigen, die damit arbeiten sollen.

Die daraus gezogene Erkenntnis seitens des Managements? Digitalisierung gescheitert! Jetzt gibt es die EntscheidungsträgerInnen, die versuchen, durch die nächste Runde Aktionismus ein besseres Ergebnis zu erzielen.

…Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.

unbekannter Autor

Die anderen lassen es dann einfach erstmal gut sein und frönen dem „Never change a running system“-Konzept.

Ganzheitliche Konzepte

Klar ist (oder sollte sein): Immer wieder ein Tropfen auf einen anderen heißen Stein zu träufeln und tief sitzende Lethargie zu praktizieren, können keine empfehlenswerten Konzepte sein, wenn es darum geht, die Wettbewerbsfähigkeit durch digitale Transformation sichern zu wollen.

Shit in – shit out

Henne oder Ei – Strategie oder Tools? Was braucht es zuerst? In diesem Fall ganz klar die Strategie-Henne. Denn Ziel ist es, ein ganzheitliches Konzept zu entwickeln. Ein Konzept, das sich in einem ersten Schritt nicht dem sinnlosen Einkauf jeglicher verfügbarer Software-Lösung verschrien hat, sondern, das sich an den tatsächlichen Bedürfnissen orientiert. Ein Konzept, das die Kultur eines Unternehmens, dessen Ziele und Arbeitsweisen aufgreift, versteht und optimiert, anstatt sie auf Biegen und Brechen sinnlos zu digitalisieren.

„…wenn Sie einen scheiß Prozess digitalisieren, haben Sie einen scheiß digitalen Prozess.“

Thorsten Dirks, OIH-One GmbH (ehem. CEO Eurowings und Vorstand Lufthansa)

Digitalisierung – der Startschuss

Deswegen ist es nicht korrekt, von Digitalisierungsprojekten zu sprechen, da Digitalisierung ein fortschreitender, ganzheitlicher Prozess ist, der dem Wandel eines Unternehmens für die Dauer des Fortbestehens gerecht werden muss. Ein Digitalisierungsprojekt – möge man tatsächlich von „Projekt“ sprechen – kann nur ein initialer Startschuss sein. Eine zu entwickelnde Basis, die den Anstoß für die weitere Entwicklung darstellt.

Digitale Transformation ist eben nicht (nur) die isolierte, einmalige Einführung neuer Technik oder Software. Digitale Transformation ist die Einbindung der MitarbeiterInnen und deren Wissen in die Gestaltung unternehmerischer Prozesse sowie die Schaffung von Möglichkeiten, Wissen der MitarbeiterInnen für alle Personen innerhalb des Unternehmens verfügbar und nutzbar zu machen. Also doch nicht nur eine kurzweilige Modeerscheinung, sondern elementarer, weitsichtiger Bestandteil der Unternehmensstrategie.

Ich wollt‘ ich wär ein Huhn

Das Freilaufgehege mit glücklichen Hühnern, scheint nicht mehr nur ein irrwitziger Traum zu sein. Denn viele Unternehmen sind auf dem richtigen Weg. Sie haben verstanden, dass neue Technik nicht allein ausschlaggebend, sondern nur ein Mittel zur Abbildung von Prozessen, Wissen und auch Kultur eines Unternehmens ist. Sie verstehen ihre Mitarbeiter nicht als Maschinen, die Befehle ausführen, sondern als individuelle InnovationstreiberInnen und MöglichmacherInnen – als verlässlichen PartnerInnen an der Seite einer Organisation in fordernden Zeiten und darüber hinaus. Und werden ihren MitarbeiternInnen und unternehmerischen Zielen mit weitsichtigen Ideen gerecht.